Aphasiker stellen sich vor

Hier bieten wir Betroffenen und Angehörigen die Möglichkeit sich vorzustellen. Sie wollen Ihren Erfahrungsbericht mit anderen teilen? Dann mailen Sie uns Ihre persönliche Geschichte. Wir stellen sie gerne für Sie online.

gerrietmueller
Gerriet Müller
*6.3.1963
verheiratet, 2 Kinder (10 J. und 20 J.)
Dipl. Physiker

Ereignis (Was ist passiert?):
Ich habe 2007 einen Schlaganfall bekommen. Mir ist der Schädelknochen für 3 Monate geöffnet worden. Die ersten 5 Monate bin ich mit dem Rollstuhl gefahren, weil die rechte Körperseite gelähmt war. Insgesamt war ich 7 Monate in der Reha. Meine Sprache war massiv gestört. Ich hatte eine schwere Wernicke Aphasie. Ich konnte zwar reden, aber ich habe Unsinn erzählt. Das Schreiben mit der rechten Hand fiel aus, weil der Arm starr war. Ich musste üben, mit der linken Hand zu schreiben. Das Schreiben fiel mir sehr schwer. Ich konnte nur einzelne Worte schreiben. Lesen konnte ich einzelne Worte und kurze Sätze. Die Uhrzeiten und die Mathematik konnte ich benutzen und gut verstehen.

Heutiger Stand (April 2013):
Körperlich gesehen ist meine rechte Seite (Arm und Bein) wieder sehr gut. Ich kann normal gehen, Fahrrad fahren und die rechte Hand wie die linke benutzen.
Sprachlich gesehen gehe ich zweimal die Woche zur Logopädie. Die Wernicke Aphasie hat sich schon nach 1 Jahr zurück entwickelt. Jetzt sind Verben, Präpositionen und freies Formulieren weiter problematisch. Dabei werden die sprachlichen Schwierigkeiten im Verlauf des Tages stärker, wenn auch die Müdigkeit zunimmt.

Familie:
Meine Erkrankung war ein großer Schock für die ganze Familie. Alle sind froh, dass ich den Schlaganfall überlebt habe. Trotz des Schlaganfalls sind wir eine glückliche Familie geblieben. Einerseits hat sich unser Familienleben kaum geändert. Wir gehen gemeinsam ins Kino, fahren in Urlaub und machen andere Dinge gemeinsam. Andererseits zeigen sich die sprachlichen Schwierigkeiten aber auch jeden Tag in unserem Familienleben. Wir missverstehen uns manchmal gegenseitig. Alle brauchen viel Geduld. Meine Frau und meine Kinder, aber auch ich, wie meine Familie sagt, gehen aber insgesamt sehr gut damit um. Meine Frau besonders und meine Kinder sind mir sehr wichtig. Meine Frau arbeitet seit meiner Erkrankung fast Vollzeit und ich betreue nachmittags unsere Tochter.

Beruf:
Nach dem Schlaganfall konnte ich 17 Monate nicht arbeiten. Mein Chef und Kollegen haben mich in dieser Zeit regelmäßig besucht. Im November 2008 habe ich wieder angefangen mit 10 Stunden die Woche zu arbeiten. Vorher hatte ich 36 Stunden pro Woche. Damals habe ich hauptsächlich Projekte selbstständig bearbeitet. Heute kümmere ich mich um Teilbereiche. Meine Aufgaben sind inhaltlich vergleichbar geblieben. Ich konstruiere Hardware-Design. Meine mathematischen und physikalischen Kenntnisse kann ich gut einsetzen. Schwierig waren und sind seit der Erkrankung z. B. das Lesen von Fachliteratur, das Einsetzen von Tools oder der fachliche Austausch mit meinen Kollegen. Trotzdem haben die Kollegen keine ablehnende Haltung mir gegenüber. Weiterhin besteht ein guter Zusammenhalt und ich bin ins Team integriert. Wir sitzen in einem gemeinsamen Büro. Es gibt häufig Gespräche und Unterstützung. Wenn Probleme bestehen, die für mich sprachlich eine große Herausforderung bedeuten, nehmen sich die Kollegen meistens die Zeit mich zu unterstützen. Der Schlaganfall hat mein Berufsleben erheblich geändert. Ich bin aber froh, weiter als Dipl. Physiker tätig sein zu können.

 

Friederike_Fliszar
Friederike Fliszar
31 Jahre jung (Spitzname: Freddy)

„Ich will eine Selbsthilfegruppe für junge Aphasiker gründen und Pläne für die Zukunft schmieden.“

Mein Name ist Freddy Fliszar. Ich bin am 13.06.1981 geboren und wohne in Bonn. Am 28.02.2004 erlitt ich eine Hirnblutung. Ursache war ein geplatztes Aneurysma.

Ich hatte schon den ganzen Tag über Kopfschmerzen gehabt. Abends bin ich dann mit einer Freundin in die Disco gegangen. Da passierte es dann. Ich bekam wahnsinnige Kopfschmerzen und sagte meiner Freundin, dass irgendetwas nicht stimme. Ich setzte mich auf den Boden und schon kurze Zeit später war ich nicht mehr in der Lage aufzustehen. Meine Freundin holte Hilfe und man trug mich aus der Diskothek. Wenig später traf der Krankenwagen ein und dann verlor ich das Bewusstsein.

Im Nordwest-Krankenhaus Sanderbusch wurde ich dann notfallmäßig operiert. Die OP dauerte fast die ganze Nacht. Aber daran habe ich keine Erinnerung.

Nach der OP blieb ich intubiert und wurde fast drei Wochen beatmet. Nach 5 Wochen Koma wurde ich wieder wach. Aber ich konnte nicht sprechen und hatte eine Halbseitenlähmung rechts. Glücklicherweise zeigten sich bereits nach ein paar Tagen erste Besserungen. Das machte mir Mut.

Heute, 9 Jahre später, ist mein Sprechen recht gut. Manchmal fehlen mir noch Wörter und ich verstehe nicht immer alles. Große Probleme habe ich immer noch beim Schreiben und Lesen und im Umgang mit Zahlen. Auch Konzentration und Merkfähigkeit sind noch ein Problem. Regelmäßig gehe ich zur Logopädie, Ergotherapie und demnächst auch zur ambulanten Neuropsychologie.

Damals, als ich die Hirnblutung erlitt, stand ich kurz vor der Aufnahme bei der Bundeswehr. Eine Berufsausbildung konnte ich seither nicht absolvieren. Heute ist es mein größter Wunsch einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, die mich fordert, aber nicht überfordert. Ich habe gerne mit Menschen zu tun, deshalb würde ich gerne einer entsprechenden Tätigkeit nachgehen. Zur Zeit bin ich zur beruflichen Wiedereingliederung in einer Werkstatt für Menschen mit erworbener Hirnschädigung in Köln-Rodenkirchen.

Meine Hobbys sind: Reiten (allerdings nicht mehr aktiv) und Reisen. Eine Reise nach Amerika zu meinem Bruder fände ich cool. Lesen liebe ich trotz meiner Schwierigkeiten immer noch sehr. Fitnesssport begeistert mich auch heute. Seit dem ich wieder regelmäßig zum Sport gehe, spüre ich einen Anstieg meiner Energie. Das macht mich sehr glücklich.

Lange Zeit habe ich mich wegen meiner Sprachstörung zurückgezogen. Daher habe ich nicht mehr so viele Freunde.

Gerne würde ich mit anderen jungen Leuten eine Selbsthilfegruppe für junge Aphasiker gründen und mich regelmäßig mit ihnen treffen. Gemeinsam etwas unternehmen und Pläne für die Zukunft schmieden. Das würde mir viel Spaß machen.